9. August 2012, 16:00 Uhr
Die Fotografien des brasilianischen Künstlers Vik Muniz sind meisterhafte Puzzles. Seine aufwendig konzipierten und akribisch gestalteten Werke präsentieren sich für das menschliche Auge als optische Täuschungen. Er nimmt eigenwillige Materialien, wie Erde, Zucker, Schokoladesirup und verschiedenste Abfallstoffe, und arrangiert daraus auf brillante Art und Weise fotorealistische Bilder, die eine verwirrende Wirkung auf den Betrachter ausüben. Während man beim ersten Blick auf seine Fotografien nur ein Durcheinander verschiedener Objekte wahrnimmt, lässt sich aus einigen Schritten Entfernung das eigentliche Bild erkennen.
Vik Muniz wurde 1961 in São Paulo geboren und zog 1983 in die USA. Seine erste internationale Ausstellung hatte er 1989. Weitere exklusive Ausstellungen seiner Werke folgten im Whitney Museum of American Art in New York, dem Museu de Arte Moderna in São Paulo, dem Museo d'Art Contemoranea in Rom und an vielen anderen Orten. Muniz lebt und arbeitet in Brooklyn und in Rio de Janeiro, lässt sich aber nach wie vor stark von seinem Geburtsland Brasilien inspirieren. Während er in der internationalen Kunstszene eine feste Größe ist, genießt er in Brasilien außergewöhnliche Beliebtheit.
In jüngerer Vergangenheit trat Muniz insbesondere durch seine innovativen Ansätze bei verschiedenen Projekten in Erscheinung. So begleitete ihn die für den Oscar nominierte Dokumentation �Waste Land“ bei seiner Reise zurück zur größten Mülldeponie der Welt, dem „Jardim Gramacho“ in Rio de Janeiro. Dort machte er Portraitaufnahmen von den Müllsammlern, die in den täglich angelieferten Bergen von Müll nach wiederverwertbaren Materialien suchen. Diese Portraits wurden später zur Grundlage für ein Gemeinschaftsprojekt zwischen Muniz und den auf den Portraits dargestellten Personen.
Gemeinsam kreierten sie aus Abfällen großformatige Modelle der ursprünglichen Portraitaufnahmen – mit wahrlich beeindruckenden Ergebnissen. Das Londoner Auktionshaus Phillips de Pury bot an, eine Portraitedition zu versteigern. Der Erlös kam der Gemeinschaft der in der Dokumentation gezeigten Müllsammler zugute. Mit dem Geld baute die Kooperative in dem Viertel, in dem ein Großteil der Müllsammler lebt, ein Gesundheitszentrum und eine Bibliothek. So veränderte diese Initiative nicht nur das Leben der Müllsammler, mit denen Muniz dieses Gemeinschaftsprojekt durchführte, sondern auch sein eigenes.
Und genau dieser Enthusiasmus für Gemeinschaftsprojekte macht ihn zum perfekten Partner für die Ultrabook™ Experience. Wir haben ihn getroffen und mit ihm über seine Leidenschaft für die Gestaltung von Bildern gesprochen sowie darüber, wie Technik die soziale Mobilität verbessert hat und welchen Stellenwert Partnerschaften in seinem kreativen Prozess haben.
2010 wurden Sie zum Goodwill-Botschafter der UNESCO ernannt. Was hat Sie dazu bewegt, anderen Menschen im Rahmen Ihrer beruflichen Möglichkeiten zu helfen?
Ich habe Brasilien 1983 verlassen, um fortan in den USA zu leben. 1991 wurde ich erstmals in mein Heimatland eingeladen, um dort meine Kunstwerke auszustellen. Ich hatte Brasilien als mittelloser Jugendlicher verlassen und kehrte Jahre später als erfolgreicher Künstler zurück. Diese Tatsache brachte mich zum Nachdenken. Ich erkannte, dass ich meine Werke Kunstsammlern verkaufte, die einer sehr exklusiven Gesellschaftsschicht angehören.
Das änderte sich, als ich eingeladen wurde, um mit Straßenkindern in Salvador da Bahia an einem Kunstprojekt zu arbeiten. Ich verbrachte insgesamt drei Monate mit diesen Kindern in einem Kunst-Workshop, und dies war meiner Ansicht nach ein entscheidender Moment in meinem Leben als US-amerikanischer Künstler mit brasilianischen Wurzeln.
Mir wurde klar, dass ich zu mir selbst und zu meiner eigenen Kultur zurückfinden konnte, wenn ich mich laufend für soziale Projekte einsetze. Seit Mitte der Neunziger habe ich dann stets versucht, mich sozial zu engagieren.
Was genau macht Spectaculu und was hat Ihr Interesse für die Arbeit von Spectaculu geweckt?
Nun, Spectaculu ist eine Bildungseinrichtung mitten im Zentrum von Rio, also an einem strategischen Standort. In erster Linie hat es sich diese Institution zum Ziel gesetzt, junge Leute aus rivalisierenden Favelas zusammenzubringen. Man findet dort Jugendliche aus den verschiedensten Gegenden Rios, mit äußerst unterschiedlichem sozialem Hintergrund. Geht man zum Beispiel in den Fotografiekurs, wird man dort kaum zwei Jugendliche finden, die aus der gleichen Gegend stammen.
Durch die Lehrangebote in den Bereichen bildende Kunst und Technik hilft Spectaculu Jugendlichen zwischen 17 und 21 Jahren, sich praktisches und theoretisches Wissen anzueignen, um in der Medienbranche von Rio eine Arbeitsstelle zu finden.
Auf den Punkt gebracht soll unsere Tätigkeit bei Spectaculu durch Bildungsarbeit im Bereich der Kunst die soziale Mobilität fördern.
Ihre Bilder führen den Betrachter in gewisser Weise in die Irre. Welche Bedeutung haben Metaphern und Zweideutigkeiten in Ihrem Werk?
Ich hatte das Glück – und auch das Pech – während der Militärdiktatur in Brasilien aufzuwachsen. Diese Situation war äußerst eigenartig, eine Art Schwarzmarkt der Sprache. Man konnte nicht aussprechen, was man tatsächlich sagen wollte. Und im Gegenzug musste man alle erhaltenen Informationen sorgfältig analysieren, um ihre eigentliche Bedeutung zu verstehen. Dadurch wird man im Umgang mit Metaphern äußerst geschickt, denn nur auf diese Weise lässt sich ausdrücken, was man wirklich sagen möchte. So konnten sich die Leute auch über Politik und die allgemeine Lage austauschen.
Warum haben Sie genau diese Freunde für die Arbeit an diesem Projekt ausgewählt?
Als sich Intel und Levi’s wegen der „Friends of …“-Initiative an mich wendeten, wollte ich unbedingt mit Leuten zusammenarbeiten, die ich selbst bewundere. Daher wollte ich Leute gewinnen, denen die Überbrückung kultureller, wirtschaftlicher und sozialer Grenzen ebenfalls wichtig ist und die Interesse an einer umfassenderen Vision von Kultur haben. Carlos Saldanha und die Campanas Brothers holte ich ins Boot, weil ihre Arbeiten ebenfalls gegensätzliche Dinge zusammenführen und nicht nur verschiedene Medien kombinieren, sondern auch die Menschen auf sehr kreative Art und Weise zusammenbringen...Mark Bradford anzusprechen, fiel mir auch nicht sonderlich schwer, da beide Künstler mit ihrer Umwelt äußerst engagiert und positiv interagieren.
Wie sehen Sie Ihre Funktion als zentraler Fürsprecher von Spectaculu?
Nun, ich sehe mich eher als eine Art Förderer, beziehungsweise als Schnittstelle. Ich hoffe, dass wir mehr bewirken können, als nur ein paar T-Shirt-Designs zu entwerfen und mithilfe einiger Ultrabooks™ praxisorientiertes Wissen zu vermitteln. Ich hoffe, dass sich unser Projekt nachhaltig und vielseitig auswirkt und wünsche mir, dass unser Engagement über die Projektgrenzen hinaus Energien freisetzen wird.