Profil einer Filmemacherin: Carlen Altman

Die Drehbuchdebütantin spricht über Gemeinschaftsprojekte, Streit unter Geschwistern und Filmemachen

28. August 2012 | 3:00 PM

The Color Wheel

Wenn Carlen Altman erst einmal loslegt, erzählt sie wie ein Wasserfall – ein starker Kontrast zum langen und unbequemen Schweigen in The Color Wheel, dem neuesten Film der 29-Jährigen. Für diesen Streifen arbeitete die talentierte Komödiantin, Autorin und Schmuckdesignerin mit dem New Yorker Schriftsteller und Regisseur Alex Ross Perry zusammen, um die Geschichte eines Geschwisterpaars zu erzählen, das durch das graue und regnerische Neuengland reist. Neben der Rivalität zwischen Bruder und Schwester sorgen längst überwunden geglaubte Probleme aus der Vergangenheit für eine Pattsituation in Spielfilmlänge.

Ursprünglich war das Projekt als Lo-Fi-Streifen angelegt und wurde während einer einmonatigen Reise von Pennsylvania nach Massachusetts auf 8-mm-Film gedreht. Dank leistungsstarker Tools und moderner Technik konnten die beiden Filmemacher über den gesamten Kreativprozess hinweg eng zusammenarbeiten – von den ersten Drehbuchentwürfen bis zum Schneiden des Films. Heraus kam ein beeindruckender und über alle Maßen erfolgreicher Film.

AO Scott rezensierte das Werk in der New York Times und schrieb, dass der Film „intelligent, gewagt, äußerst originell und teilweise unglaublich brillant“ sei. Das Lob von Scott ist absolut berechtigt. Der Film glänzt tatsächlich mit einigen wahrhaft unerträglich guten Momenten. Die Filmemacher selbst beschreiben ihr Werk als eine „verstörende Comedy über Enttäuschung und Vergebung“.

Um die Drehbuchdebütantin hinter The Color Wheel etwas näher kennenzulernen, führte Die Ultrabook™ Experience ein Gespräch mit Carlen Altman. In diesem Interview berichtet die in Brooklyn lebende Künstlerin über die Vor- und Nachteile von Gemeinschaftsprojekten, die Herausforderungen auf ausgedehnten Reisen und die kreativen Freiheiten, die sich durch die Wahl der richtigen Hilfsmittel ergeben.

Hallo Carlen, überraschen Sie die Reaktionen auf The Color Wheel?

Nun, es ist der erste Film, bei dem ich mehr mache, als nur zu schauspielern. Von daher überrascht es mich schon sehr, dass er so gut aufgenommen wird.

Wie kam es zu diesem Projekt?

Das war eine ganz interessante Situation: Alex Ross Perry und ich traten unabhängig voneinander mit Standup-Nummern in einem Comedy-Club in Brooklyn auf. Alex kannte mich aus You Won't Miss Me, einem Film, in dem ich mitgespielt hatte. Er sprach mich dann irgendwann an und meinte, dass er meine Standup mochte und auch meinen Blog gut fände. Das war sehr erstaunlich für mich, da ich bis dahin den Eindruck gehabt hatte, dass niemand diesen Blog las. Dann fragte er mich auf einmal, ob ich mit ihm zusammen ein Drehbuch schreiben würde. Alex war ganz offensichtlich fest entschlossen, dieses Projekt Realität werden zu lassen, sodass es eigentlich keinen Grund für mich gab, nicht mitzumachen. So sagte ich kurzerhand zu.

Wie kamt ihr auf die Idee, die Rollen von Bruder und Schwester in diesem Film zu übernehmen?

Irgendjemand meinte mal, dass wir uns sehr ähnlich sehen würden. Daraus entstand dann die Idee zu einem Film, in dem wir Bruder und Schwester sind.

Wir wollten einen Streifen über das Gefühl der Entfremdung machen, das wir in unserem sozialen Umfeld empfanden. Alle Leute wurden plötzlich irgendwie erwachsen, während Alex und ich uns keineswegs wie Erwachsene fühlten. Genau dieses Gefühl der Verbundenheit war es dann auch, das uns zu einer Art Geschwisterpaar machte.

Sie haben das Drehbuch ja gemeinsam geschrieben. Wie genau ging das vonstatten?

Es dauerte ein ganzes Jahr lang: Wir trafen uns zwei Mal wöchentlich in meiner Wohnung und arbeiteten dort an Ideen für das Drehbuch. Alex brachte das Ganze nach jedem Treffen in die richtige Form und schickte mir anschließend den Entwurf per E-Mail. Beim nächsten Treffen besprachen wir das jeweilige Ergebnis und entwickelten auf diese Weise einen Arbeitsprozess.

Als wir mit dem Projekt begannen, wollte ich auf keinen Fall einen dieser künstlerisch angehauchten Artsy-Filme machen. Ich mag eher weniger anspruchsvolle Streifen wie „Immer Ärger mit Bernie“ oder „Ungeküsst“ von Drew Barrymore. Alex war damit einverstanden. Unser Ziel bestand also darin, einen relativ anspruchslosen Film zu drehen, der aber trotzdem eine gewisse emotionale Komplexität haben sollte. Obwohl es um das Thema Entfremdung ging, hielten wir uns in Sachen Format und Struktur an konventionelle Hollywood-Produktionen.

Wie haben Sie es geschafft, in einen Film über Entfremdung Comedy-Elemente einfließen zu lassen?

Nun, wir kommen ja beide aus dem Comedy-Bereich. Deshalb war das auch ganz natürlich für uns. Die Struktur des Drehbuchs kam uns da sehr entgegen.

Gab es Meinungsverschiedenheiten zwischen Ihnen und Alex?

Beim Schnitt wollte Alex plötzlich Teile rausschneiden, die ich als Comedy-Künstlerin im Film behalten wollte, weil ich sie lustig fand. Das Problem war, dass wir auf echtem Film gedreht hatten. So konnten wir erst nach Abschluss der Aufnahmen auf das Material zugreifen. Irgendwann drohte ich wegen der Kürzungen von Alex sogar damit, mich aus dem Projekt zurückzuziehen. Am Ende hat er dann aber doch dieser Stellen drin gelassen, sodass es okay für mich war.

Also haben sie beide ebenso gestritten wie die Geschwister, die Sie darstellen?

Hahahaha, genau.

Konntet Sie während der Dreharbeiten auf Ihrem Trip überhaupt effektiv arbeiten und auf Ihre Materialien zugreifen? Inwieweit hat Ihnen moderne Technik dabei geholfen?

Da wir auf echtem Film drehten, konnten wir uns am Ende des Drehtags nicht einfach das Ergebnis unserer Arbeit ansehen. Aus diesem Grund hatten wir im Vorfeld ganz besonders darauf geachtet, dass sowohl das Drehbuch als auch der Plot unserer Reise von Pennsylvania nach Massachusetts kohärent und wasserdicht sein würden. Dass wir während unseres Trips stets auf unsere Daten und die Dateien aus der Vorproduktion zugreifen konnten, gab uns ein gewisses Maß an Selbstvertrauen, auch mal neue Sachen auszuprobieren. Wir hielten uns zwar eng an das Drehbuch, konnten der Story aber auch etwas Raum lassen, sich zu entwickeln.

War es hilfreich, dass da jemand war, der Ihnen feste Deadlines gesetzt hat?

Ja, ich fand es toll, mit einem richtigen Filmemacher zu arbeiten, der Deadlines aufstellt und die Sachen nicht „zerdenkt“.

Ein Wettbewerb wie Four Stories wäre also durchaus eine gute Gelegenheit für angehende Filmemacher, im Rahmen einer engen Deadline eine strukturierte Story zu Papier zu bringen?

Auf jeden Fall. Als wir mit dem Drehbuch zu The Color Wheel begannen, ging es uns in erster Linie auch um eine fest strukturierte Story. Ein Wettbewerb wie Four Stories bietet den Teilnehmern zudem die Möglichkeit, sich ein Genre auszuwählen. Außerdem ist es eine tolle Chance, mit so talentierten Menschen wie Roman Coppola und den Leuten vom Directors Bureau zusammenzuarbeiten.

Würden Sie noch einmal an einem solchen gemeinschaftlichen Filmprojekt teilnehmen?

Ja, ich denke schon. Vor diesem Projekt hatte ich großen Respekt vor der Aufgabe und wenig Vertrauen in meine Fähigkeiten als Filmemacherin. Jetzt weiß ich aber, dass es gar nicht so schwierig ist. Das kriegt man schon irgendwie hin. Ich will demnächst einen Film mit meiner Mutti zusammen machen. Da geht es um eine ältere Frau mit einer Schildkröte.

Hier erfahren Sie du mehr über The Color Wheel.

Vielleicht auch einen Blick auf Carlens Blog, da ihn sonst niemand liest.